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Vom Abstillen und dem Ende der Stillzeit

Seit etwas mehr als einer Woche, scheint unsere Stillzeit am Ende angekommen zu sein.
22 Monate lang hat unsere Stillzeit gedauert. Sie war nicht immer rosig, hatte ihre Höhen und Tiefen, hat uns manche Situationen erleichtert, gelegentlich aber auch Schmerzen verursacht.
Unsere Stillzeit war einzigartig und etwas ganz Besonderes. Sie hat uns verbunden und gemeinsam wachsen lassen.
Und sie wird mir immer in Erinnerung bleiben.

vom-abstillen-und-dem-ende-der-stillzeit-2In der Schwangerschaft habe ich mir zum ersten Mal Gedanken über das Stillen gemacht. Mir war bewusst, dass es das Natürlichste auf der Welt ist, sein Kind zu stillen. Und doch war ich mir nicht sicher, ob ich tatsächlich dazu bereit war. Bereit war, meinen Körper zu teilen. Mich so sehr an mein Kind zu binden, dass nur ich es ernähren konnte.
Ich hörte Geschichten über die Stillzeit anderer Mütter und Kinder. Ich hörte von Frauen, die sich dazu entschlossen hatten, ihr Kind nicht zu stillen. Von fehlgeschlagenen Stillversuchen. Von Schmerzen und Entzündungen, von Müdigkeit und dem Wunsch nach Schlaf. Ich hörte von Langzeitstillen, Stillbeziehungen, die viele Jahre andauerten. Ich hörte von Zufüttern und Saugverwirrungen, von Studien und weit auseinander gehenden Meinungen diverser Ärzte und Pädagogen.

Ich hörte viel zu viel – und es verwirrte mich.

Ich beschloss, es einfach auf mich zukommen zu lassen. Ich beschloss, offen zu sein, es zu probieren und wieder aufzuhören, wenn es nicht klappen sollte. Damit fühlte ich mich am wohlsten.

Das erste Mal angelegt habe ich Emma ca. 1 Stunde nach der Geburt. Ich wurde nicht gefragt, sie wurde mir einfach angelegt. Aber es war ok. Ich war voller Liebe für dieses kleine Mädchen, unsere Tochter. Es fühlte sich richtig an, auch wenn ich mir ein wenig überrumpelt vorkam.
Kurz danach kam ich mir vor wie im Mathe-Unterricht. Alle 3 Stunde solle ich anlegen, erst die eine Seite, dann die andere Seiten. 30-60 Minuten insgesamt, jede Seite 15-30 Minuten.
Das war der Plan.

Der Plan funktionierte nicht.

Emma war nie länger als 6-7 Minuten an der Brust. Pausen von 3 Stunden zwischen den Mahlzeiten waren ihr viel zu lang. Der Milcheinschuss lies auf sich warten und das viele Weinen war, laut der Ärzte, ein Zeichen dafür, das Emma nicht satt wurde.
Ein neuer Plan sollt her – Zufüttern sollte die Lösung sein.
Ich versuchte den Ärzten zu vertrauen, versuchte den traurigen Blick meiner Mutter zu ignorieren und verlor Schritt für Schritt meinen Mutterinstinkt. Er war nicht weg, aber nach ein paar Tagen lag er unter einem Haufen von Ängsten, Zweifeln, Schuldgefühlen und Erwartungen Anderer.
Die zugefütterte Milch saugte Emma nur so auf. Und nur eine Minute später spuckte sie die Milch wieder komplett aus. Wir sollen sie stoppen, nicht zu viel geben.

Sie schrie und schrie und schrie.
Und ich weinte.

Nie zuvor habe ich mich so hilflos gefühlt wie zu dieser Zeit. Und nie zuvor war ich so verwirrt und innerlich zerrissen.

 Der Milcheinschuss kam und er brachte Erleichterung, die von Schmerzen begleitet wurde. Ich produzierte Milch für mehrere Kinder und doch nur für Eines. In manchen Nächten glich meine Seite des Bettes einem Swimming Pool. Die Stilleinlagen machten keinen guten Job und ich bestellte Mengen an Still-BH`s auf der Suche nach ein wenig Halt.

Endlich zuhause hörten wir mit dem Zufüttern auf. Wir hielten uns nicht mehr an den 3-Stunden-Rhythmus und ich akzeptierte, dass Emmas Mahlzeiten nicht länger als ein paar Minuten dauerten. Ich erkannte ihre Einzigartig und dass sie sich nicht in ein Schema pressen lies.
Mit der Zeit wurde es einfacher. Ich beschloss, dass ich 6 Monate lang stillen würde. Das schien vernünftig, denn viele Frauen stillen 6 Monate. Und die ersten 6 Monate seien am wichtigsten – das hörte ich überall.
In diesen 6 Monaten erlebten wir weitere Höhen und Tiefen unserer Stillzeit.

vom-abstillen-und-dem-ende-der-stillzeit-1
Ich war froh, nachts nicht aufstehen zu müssen, wenn Emma sich meldete – sie lag sowieso direkt an meiner Brust. Ich war froh, dass ich immer eine Lösung parat hatte, um Emma beruhigen zu könne (außer abends zwischen 18:00 und 21:00 Uhr, da funktionierte auch diese Lösung nicht). Ich war froh, dass ich mich bei Feierlichkeiten und in anderen Situationen zwischendurch rausziehen konnte und Emma und mir ein paar Minuten Ruhe verschaffen konnte.

In manchen Nächten habe ich aber auch geweint, als mich nach dem 10x Stillen die Kraft verließ. In manchen Nächten habe ich mich um 4:00 morgens in Wohnzimmer geschlichen und Milch abgepumpt, da ich Emma nicht wecken wollte, die Schmerzen meiner vollen Brüste jedoch nicht mehr aushalten konnte. Und in manchen Momenten hätte ich das Stillen gerne jemand anderem überlassen.

Als die ersten Zähne durchkamen, fiel es Emma schwer zu trinken. Erkältungen und verstopfte Nasen machten das Stillen für ein paar Tage zu einer Qual für uns beide. Und als die ersten Zähne richtig da waren, wurden sie natürlich auch an meiner Brust getestet.

Nach 6 Monaten war an ein Abstillen nicht zu denken. Das Stillen gehörte einfach dazu und war nicht von heute auf morgen zu beenden. Aber es veränderte sich als Emma anfing die Welt der festen Nahrung zu entdecken. Die Pausen zwischen den einzelnen Still-Mahlzeiten wurden länger. Irgendwann fielen erst eine und dann zwei Mahlzeiten ganz weg. Und gleichzeitig merkte ich, dass das Stillen für uns beide einfach noch zu wichtig war.

Wenn sie 12 Monate alt ist, dachte ich, könnte ein guter Zeitpunkt für`s Abstillen sein.

 Der erste Geburtstag kam und das Ende unserer Stillzeit war noch nicht erkennbar. Während ich gespannt in die Zukunft schaute, und mich sehr wohl dabei fühlte weiterhin zu stillen, wurde mir einige Male Unverständnis entgegen gebracht. Warum ich denn noch stillen würde? Emma wäre doch nun alt genug und nicht mehr auf meine Milch angewiesen. Wann ich denn vorhabe sie abzustillen?

 Dabei steckten wir doch schon mitten im Abstill-Prozess. Das Abstillen hatten vor 6 Monaten mit dem Beginn von fester Nahrung begonnen, und würde noch eine ganze Weile dauern.
Ich wollte keinen Zeitpunkt mehr festlegen. Warum auch? Nach 6 Monaten war dieser Zeitpunkt nicht erreicht, und auch nicht nach 12 Monaten. Ich war mir sicher, dass der richtige Zeitpunkt einfach kommen würde.

vom-abstillen-und-dem-ende-der-stillzeit-3Und der Zeitpunkt kam.
Er kam in Form einen Mädchens, dass abends ins Bett wollte und nicht, wie sonst, „Milch“ sagte, sondern stattdessen „Hand“ sagte, nochmal „Hand“ sagte, und dann meine beiden Hände festhaltend ganz entspannt einschlief. Auch in den darauffolgenden Tagen fragte sie nicht mehr nach der „Milch“.

Auch wenn ich 22 Monate lang Zeit hatte, mich auf diesen Moment vorzubereiten, so hat er mich doch überrascht und gemischte Gefühle in mir hervorgerufen. Ich bin stolz. Stolz auf meine Tochter und stolz auf mich. Gleichzeitig verspüre ich eine gewisse Traurigkeit gepaart mit Freude und Neugier. Und ich weis, dass ich unsere Stillzeit noch eine ganze Weile vermissen werde.

22 Monate hat unsere Stillzeit gedauert. Sie war nicht zu kurz oder zu lang. Sie war genau so lang, wie sie sein sollte. Und trotz der vielen Worte, ist sie nicht in Worte zu fassen. Sie ist einzigartig, war schön und anstrengend. Sie war voller Zweifel, Hoffnung und Glück. Voller Vertrauen und Unsicherheiten. Sie ist geendet ohne Tränen und in beidseitigem Einverständnis.

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4 Comments

  • Reply
    Angie
    7. November 2016 at 10:25

    So ein Ende wünsche ich mir auch – aber noch ist keins in Sicht, morgen auf den Tag genau stille ich seit 29 Monaten 🙂

    Danke für den schönen Einblick in eure Geschichte!

    Liebe Grüße
    Angie

    • Ann-Kathrin
      Reply
      Ann-Kathrin
      7. November 2016 at 14:40

      Für mich hätte es ruhig auch noch länger dauern können. Am ersten Abend bin ich davon ausgegangen, dass es nur ein Zufall war. Aber nach 1,5 Wochen fühlt es sich dann doch eher nach einem Ende an.
      Liebe Grüße

  • Reply
    Lara
    14. November 2016 at 21:34

    Ich kann mir vorstellen, dass es für dich komisch ist, auf einmal ist etwas Liebgewonnenes, etwas Alltägliches verschwunden. Aber wie viele Mütter kaufen sich Ratgeber, probieren verschiedene „Tipps und Tricks“ und dein Kind hat einfach selber beschlossen, dass es auch ohne Stillen geht. Ich wünsche mir genau das, auch wenn ich weiß, dass es mir mindestens genauso im Herzen weh tun wird, wie dir, aber der Stolz wird hoffentlich überwiegen. 🙂

  • Reply
    Susanne
    9. August 2017 at 23:02

    Oh wie schön 🙂 Wir haben nach genau 1 Jahr ohne Tränen aufgehört (also beim Kind, ich hab schon ein Tränchen verdrückt, weil ich so stolz auf sie war) und ich hoffe, ich kann auch weiterhin meinem Instinkt und meinem Kind vertrauen, zB beim Einschlafen. Irgendwann wollte sie nicht mehr in unser Bett, sondern in ihres. Die Kleinen wissen schon, wann sie bereit sind. Danke für den schönen Artikel! LG

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