Familienleben Gesundheit

Mütter mit psychischen Erkrankungen erzählen – Mama Jaqueline im Interview

Heute startet meine neue Blog-Reihe zum Thema „Mütter mit psychischen Erkrankungen erzählen“.
Das erste Interview habe ich mit Jaqueline geführt, die ganz mutig all meine Fragen beantwortet hat.

Erzähle uns ein bisschen von dir: Wer bist du? Woher kommst du? Wer zählt alles zu deiner Familie? Was machst du beruflich?

Ich heiße Jaqueline, bin 23 Jahre alt, komme aus OWL, bin verheiratet mit meinem Mann und wir haben 4 Kinder, wobei eines nicht bei uns lebt. Meine Stieftochter wohnt überwiegend bei ihrer Mama. Nach der Geburt von Aiden vor drei Jahren, habe ich mich entschieden, zuhause bei den Kindern zu bleiben.

Wann haben sich zum ersten Mal psychische Beschwerden bei dir bemerkbar gemacht?

Ich bin ein Scheidungskind und wuchs mit häuslicher Gewalt auf. Alkohol hat eine große Rolle gespielt. Psychische Beschwerden haben sich daher schon in meiner Kindheit bemerkbar gemacht. Ich habe mich selbst verletzt, konnte es aber immer gut verstecken. Die erste richtige Diagnose (Posttraumatisches-Belastbarkeits-Syndrom [sic]) habe ich mit 14 bekommen. Nach der Geburt meines Sohnes, als ich 17 Jahre alt war, gab es dann laut meinem Arzt eine „depressive Episode“, weshalb ich mit meinem Sohn eine Mutter-Kind-Kur gemacht habe. Mit 19 habe ich dann die Diagnose „Burnout“ bekommen – das war eine Art Endstation. Die Antidepressiva halfen nicht und es folgte ein Aufenthalt in der Psychiatrie. 

Wie hast du deine psychische Erkrankung während deiner Schwangerschaft erlebt?

Während meiner ersten Schwangerschaft war es schwer. Ich war erst 16, wohnte noch bei meinem Vater und bin zur Schule gegangen. Wie schon erwähnt, gab es viel Streit, häusliche Gewalt und Alkohol. Es wunderte mich nicht, nach der Geburt in eine Wochenbettdepression zu verfallen. Während meiner zweiten Schwangerschaft ging es mir besser, ich wurde nur wenige Monate nach meinem Psychiatrie-Aufenthalt schwanger und ich fühlte mich super. Auch die dritte Schwangerschaft war aus psychologischer Sicht gut. Es ging mir eher körperlich nicht so gut. Es ist schön, wenn man schwanger wird und man freut sich auf das Baby, aber ich bin einfach keine ausgeglichene und glückliche Schwangere gewesen. Ich war deshalb froh, als die Schwangerschaften endlichen vorbei waren und ich mich wieder bewegen konnte.

Wie erging es dir während der Geburt?

Ich habe meine Kinder alle drei „normal“ entbunden. Während den Geburten ging es mir, wie es einer Mutter halt so geht – Scheisse. Aber das hatte nichts mit den Depressionen zu tun. Eine Geburt ist ja letztendlich nicht ohne. Aber meine Kinder zu bekommen und sie endlich in meine Arme schließen zu können, war das schönste Gefühl auf Erden. 

Wie hat sich deine Erkrankung nach der Geburt deines Kindes/deiner Kinder verändert?

Wie schon gesagt, bekam ich nach meinem ersten Kind eine Wochenbettdepressionen. Aber ganz ehrlich gesagt, ist es mir auch erst dann richtig klar geworden, als man mir erzählte, dass es sowas gibt und dass sowas gar nicht mal so außergewöhnlich ist. Als ich mich wenige Monate nach dem Psychiatrie-Aufenthalt für ein zweites Kind entschied, war mir schon mulmig. Die Antidepressiva setzte ich sofort nach dem Aufenthalt in der Psychiatrie ab. Ich war der Meinung, ich brauche sie nicht mehr und mir würde es auch ohne Medikamente gut gehen. So war es dann auch. Auch nach der Geburt ging es mir weiterhin gut und die Wochenbettdepression trat nicht erneut auf. 

In welchen Situationen fühlst du dich durch deine Erkrankung eingeschränkt? Hast du das Gefühl, nicht alles machen zu können, was andere Mütter machen?

Ich habe mich dadurch nie eingeschränkt gefühlt. Ich habe gelernt, damit zu leben. Bedingt durch das PTBS habe ich immer mal wieder Flashbacks, die aber mittlerweile nicht mehr mit Panikattacken verbunden sind. Ich lebe also ganz normal. 

Gibt es auch etwas Positives, dass du aus deiner Erkrankung ziehen kannst?

Ja! All diese Erlebnisse haben mich stark gemacht. Und ich habe gelernt, mit jemandem darüber zu sprechen, wenn es mir mal wieder nicht so gut geht. 


Nimmst du irgendeine Form von Hilfe in Anspruch? Kannst du über deine Erkrankung, deine Sorgen und Ängste, mit jemandem sprechen?

Mittlerweile nehme ich keine Hilfe mehr in Anspruch. Während der Mutter-Kind-Kur mit meinem ersten Sohn habe ich Yoga gemacht, Autogenes Training, ich habe Massagen bekommen, einen Selbstverteidigungskurs gemacht und Gruppentherapien und Einzelgespräche bei einer Psychologin bekommen. Während meines Psychiatrieaufenthaltes gab es ebenfalls Sport, Massagen, Ergotherapie/Beschäftigungsgherapie, Gruppen- und Einzelgespräche. Nachdem ich damals die Psychiatrie verlassen habe, habe ich glücklicherweise schnell einen Psychotherapeuten gefunden. Auf die meisten wartet man leider mindestens ein halbes Jahr lang, ich hatte also Glück.

Gibt es etwas, dass du anderen Frauen/Müttern mit psychischen Erkrankungen mit auf den Weg geben möchtest?

Wenn ihr euch nicht gut fühlt, dann sprecht darüber. Auch IHR seid wichtig. Ich weiß, dass das alles unglaublich schwer ist. Dass man sich manchmal fühlt, als würde das Gewicht der ganzen Welt auf einem liegen und trotzdem fühlt man sich leer. Ich weiß wie es sich anfühlt, wenn der Graben zu tief und zu groß ist. Wie es sich anfühlt, wenn man sich im Kreis dreht und es so scheint, als würde es keinen Ausweg geben. Aber schaut in das Gesicht eurer Kinder. Ihre Augen, ihr Lächeln. Sie sind es so sehr wert und sie haben es so verdient, dass man für sie da ist, dass man ihnen ein Vorbild ist und dass man sich um sie kümmert. Eine kranke Mutter ist keine schlechte Mutter, aber jede Krankheit sollte behandelt werden. Psychische Krankheiten sollten kein Tabuthema sein. Jeder kann betroffen sein. Selbst der Nachbar, der scheinbar alles im Griff hat. Selbst die Frau aus dem Modekatalog, die scheinbar alles hat. Scheinbar…

Liebe Jaqueline, ich bedanke mich von Herzen für deine offenen Worte und dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast. Ich wünsche dir und deiner Familie alles erdenklich Gute für eure Zukunft und für deinen weiteren Weg.

Falls ihr euch beim Lesen des Artikels angesprochen gefühlt habt und gerne eure eigene Geschichte teilen möchtet, dann meldet euch gerne per Mail (kontakt@munchkinshappyplace.de) oder per privater Nachricht bei Facebook oder Instagram bei mir.

Merken

Merken

Merken

Merken

You Might Also Like

2 Comments

  • Reply
    Fulltimemom_
    20. Juni 2017 at 17:57

    Da kann Man glatt noch mal heulen, wenn man sich das noch mal so durchliest 😁 Danke für die tolle Gelegenheit und ich hoffe, der ein oder andere fühlt sich ein wenig ermutigt.

  • Reply
    Zhunami
    21. Juni 2017 at 11:07

    Danke für’s Teilen und alles Gute 🙂

  • Leave a Reply

    CommentLuv badge