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Mit Essen spielt man nicht! Oder doch?

„Mit dem Essen spielt man nicht!“
Diesen Satz haben wir wohl alle schonmal gehört. Gerne auch mal gepaart mit „Der Teller wird leer gegessen – in Afrika hungern Kinder!“ oder „Es wird gegessen was auf den Tisch kommt!“
Ich persönlich halte von diesen Sätzen überhaupt nichts.
Mal ganz davon abgesehen, dass Kleinkinder keine Vorstellung von den Zuständen in Afrika (oder anderen Ländern) haben, finde ich, dass diese Sätze und deren Intentionen einfach nicht kindgerecht oder an den Bedürfnissen der Kinder orientiert sind.

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Wenn Kinder mit der Beikost beginnen, öffnet sich für sie, wie so oft in den ersten Lebensjahren, eine ganz neue Welt. Noch spannender wird es, wenn die Kinder anfangen selbstständig zu essen.
Kinder möchten die Welt entdecken, und das schließt auch das Essen auf ihrem Teller mit ein.

 Jeden Tag lernen Kinder etwas Neues. Und wenn sie lernen, dann tun sie das auf eine andere Art und Weise, als wir Erwachsene es uns angeeignet haben. Während wir uns vielleicht Dinge immer und immer wieder durchlesen, etwas auswendig lernen, uns ein You-Tube Video zu einem bestimmten Thema anschauen oder mit Hilfe eines Hörbuches lernen, funktioniert das Lernen bei Kindern ganz nebenbei, auf spielerische Weise und indem sie all ihre Sinne benutzen.

kleinkind essen beikost blw 5Während sowohl Eltern, Erzieher als auch Lehrer in vielen Bereichen großen Wert darauf legen, dass die Kinder genügend Raum bekommen um spielerisch lernen zu können, sieht das beim Thema Essen plötzlich ganz anders aus.
Dabei gibt es beim Essen so vieles für die Kinder zu entdecken und zu lernen. Jedes Lebensmittel hat nicht nur einen bestimmten Geschmack, sondern auch die Konsistenz ist immer wieder eine andere. Und wie spannend ist es dann erst wenn man merkt, dass die kleinen Kichererbsen immer wieder vom Löffel rollen, dass es einfacher ist eine gekochte Möhre zu schneiden als eine rohe Möhre und dass man mit einer Gabel aus einer Kartoffel ganz schnell Kartoffelpüree machen kann.

Und kennt ihr es nicht auch von euch selbst, dass euch das Lernen viel leichter fällt oder ihr euch Fähigkeiten viel schneller aneignen könnt, wenn ihr wirklich Freude bei der Tätigkeit empfindet?
Warum sollten wir also den Entdeckungsdrang der Kinder unterbinden und ihre Bedürfnisse übergehen, nur weil es sich um Lebensmittel handelt?

 Aber Kinder mit Essen spielen lassen? Das geht doch nicht, oder?

Emma war zu Beginn der Beikostzeit ein richtiger Fan von Brei. Sie hat sich gerne Füttern lassen, hat ihren Brei bis auf wenige Ausnahmen nicht ausgespuckt und obwohl wir kein Problem damit gehabt hätten, zeigte sie kein großes Interesse daran, mit dem Brei matschen zu wollen.
Nachdem Emma dann vor einigen Monaten immer mehr Interesse an unserem Essen zeigte, war sowohl die Zeit des Breis als auch die Zeit des Fütterns ganz schnell wieder vorbei.
Emma wollte selber essen, das machte sie uns ganz deutlich. Und sie wollte „richtiges“ Essen.
Doch sie wollte nicht nur essen, sie wollte mit ihrem Essen experimentieren. Sie wollte ihr Essen mit allen Sinnen erfahren. Und ihr glaubt nicht, wieviel Spaß sie dabei hat.

kleinkind essen beikost blw 6Mit strahlenden Augen patscht sie mit der ganzen Hand auf den Teller und schieb sich vergnüglich eine große Portion ihres Mittagessens in den Mund.
Dann hält sie kurz inne und wir können sehen, dass sie nachdenkt. Nun greift sie ganz gezielt zu ihrem Teller und pickt nacheinander und Stück für Stück die einzelnen Kichererbsen raus.
Hier und da flutscht ihr zwischendurch was aus der Hand und landet auf dem Tisch oder auf dem Boden.
Und als Emma sich wieder eine handvoll Essen in den Mund gesteckt hat, und sie merkt, dass es wohl zu viel war, schiebt sie mit ihrer Zunge alles wieder raus.
In dem Moment wischt Emma sich auch schon ihre feuchten Hände an den Haaren ab. Dann wird munter weiter gegessen. Mit ihrer Gabel versucht sie den Brokkoli auf zu pieksen, doch es gelingt ihr nicht. Bei einem Stück Champignon hat sie mehr Erfolg.
Einige Minuten später schiebt Emma ihren Teller, auf dem sich nur noch ein kleiner Rest befindet, von ihrem Tisch. Das macht sie jedoch mit so viel Schwung, das der Teller klappernd umkippt und sich das restliche Essen auf dem Esstisch verteilt.
Emma ist begeistert, strahlt übers ganze Gesicht und ist satt.

kleinkind essen beikost blw 4Das ist doch Verschwendung!

Eine unausgesprochene Regel haben wir: Was auf den Tisch kommt landet nicht im Müll.
Dieser Punkt ist uns sehr wichtig. Emma darf so viel experimentieren und entdecken wie sie möchte, aber gegessen wird das Essen trotzdem. Und nein, nicht à la „Es wird gegessen was auf den Tisch kommt“. Und der Teller muss auch nicht leer gegessen werden. Emma darf so viel essen, bis sie satt ist. Und wenn sie merkt, dass sie etwas nicht mag, dann muss sie es auch nicht essen. Das ist bisher allerdings erst ein Mal vorgekommen.

Essen, das auf den Boden gefallen ist, legen wir einfach wieder auf Emmas Teller.
Und wenn auf dem Teller Reste übrig bleiben, dann werden diese einfach von uns gegessen oder wir stellen sie in den Kühlschrank und bieten sie Emma später nochmal an.

Auch ich spiele übrigens gerne mit meinem Essen.
Nein, ich matsche natürlich nicht mit meinem Essen rum. Das brauche ich auch gar nicht, denn ich kenne die Beschaffenheit der Lebensmittel, die auf meinem Teller landen, ja schon.
Viel lieber richte ich mein Essen her – ich bin also ein typischer Fall von „Das Auge isst mit“.
Ich lasse mir gerne viel Zeit und drapiere mein Essen so auf dem Teller, dass es mich auch optisch anspricht.
Und erst dann fange ich an zu essen.
Ist das nicht auch ein kreativer Vorgang, also eine Art Spielen?

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Natürlich möchten wir nicht, dass nun jahrelang Essen durch die Gegend fliegt.
Wie genau die nächsten Jahre verlaufen werden, wissen wir noch nicht – aber wir haben zumindest eine grobe Vorstellung.
Es stellt für uns kein Problem da, wenn Emma auch in ein paar Jahren mit ihrem Essen spielen möchte. Das Kartoffelpüree darf gerne zu einem Berg gestapelt werden und die Sauce darf auch einen reißenden Fluss darstellen.
Wichtig ist uns jedoch, dass das Essen auf dem Teller bleibt und Emma trotz des Spielens weiß, wie mit Messer und Gabel gegessen wird und das Lebensmittel wertvoll sind.
Hier ist es unsere Aufgabe als Eltern sowohl Vorbild zu sein als auch Wissen zu vermitteln.
Das Essen mit Gabel oder Löffel klappt bei Emma z.B. schon recht gut. Wir sitzen bei jeder Mahlzeit zusammen mit ihr am Tisch, geben ihr Hilfestellung wenn sie diese braucht oder einfordert, und lassen ihr einfach die Möglichkeit alles auszuprobieren.
Den Wert von Lebensmitteln möchten wir ihr gerne vermitteln, in dem wir mit ihr Gemüse, Obst und Kräuter anpflanzen, ernten und gemeinsam zubereiten. Noch versteht sie zwar nicht alles und kann auch noch nicht so gut helfen, wie sie es in ein paar Jahren können wird. Trotzdem haben wir auch dieses Jahr schon mit ihr Salatpflanzen eingesetzt und ihr so erste Erfahrungen ermöglicht.

kleinkind essen beikost blw 7Wie läuft es bei euch zu Hause ab? Welche „Regeln“ sind euch wichtig?
Und welche Erfahrungen habt ihr mit älteren Kindern mache können?

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3 Comments

  • Reply
    Kitti - Sukhi.de
    29. Mai 2016 at 20:47

    Ein wirklich toller Artikel 🙂 Hab ich viel gelacht. Danke sehr! LG, Kitti

  • Reply
    Lara
    1. Juni 2016 at 21:07

    Ich bin da auch ziemlich entspannt, ich finde es wichtig, dass Kinder selber lernen wann sie voll sind und nicht mehr möchten. Es macht doch keinen Sinn das Kind zu zwingen. (Allerdings sollten ältere Kinder schon etwas einschätzen können wie groß der Hunger ist.) Natürlich nervt das Putzen oft, aber es ist schön zu sehen, dass das Putzen nach den Malzeiten weniger wird je älter er wird. 😉

  • Reply
    Hanna
    15. Juni 2016 at 21:12

    Toller Artikel. Ich musste über „mit Essen spielt man nicht“ auch erst mal hinwegkommen…

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