Gedankenwelt Mama-Gedanken

(M)Ein Leben als hochsensible Mama

Hochsensibilität scheint momentan in aller Munde zu sein. Manche sprechen sogar von einem „Trend“, da sich ganz plötzlich immer mehr Menschen als hochsensibel outen. Für mich persönlich ist es kein Trend. Für mich ist die Hochsensibilität ein Teil meines Lebens, ein Teil von mir und ein Teil meines Mama-Seins. Ein Teil von mir, der schon immer da war, doch noch nicht lange einen Namen trägt.

Rückblickend habe ich schon immer gewusst, dass ich „anders“ bin und dass es einen Grund dafür gibt, warum mich dieses „Anders-Sein“ auch schon immer sehr beschäftigt hat. Ich habe noch genau vor Augen, wie ich als Kind und Jugendliche meine Gedanken zu dieser Thematik in meine Tagebücher geschrieben habe. Reden wollte ich darüber nicht. Zum einen, weil ich in den Augen vieler meiner Mitmenschen sowieso schon nicht in die Norm gepasst habe, und zum anderen, weil ich einfach das Mädchen war, das allen zugehört und geholfen hat und sich mit ihren eigenen Probleme ganz alleine auseinandergesetzt hat.

Auch mein Leben als Mama gestaltet sich anders als das Leben vieler Mütter. Schon einige Male habe ich mich auf Instagram und auch hier auf dem Blog dazu geäußert. Ich habe euch einen ehrlichen Rückblick in mein erstes Jahr als Mama gegeben, habe euch von meiner Wochenbettdepression erzählt und auch geschildert, wie schnell Emma und ich an unsere Grenzen stoßen. Dass all diese Dinge in gewisser Weise mit meiner Hochsensibilität zusammenhängen, war mir zu dieser Zeit jedoch noch nicht ganz klar. Ich habe zwar Mails von Lesern und anderen Bloggern bekommen, die mich darauf aufmerksam machten, dass dies alles Hinweise auf eine Hochsensibilität sein könnten, doch wie das so bei mir ist, muss ich selber auf ein Thema kommen, um es auch annehmen und bearbeiten zu können.

Nachdem ich immer mehr Situationen erlebte, in denen ich mir meiner Sensibilität bewusst wurde, und auch Emmas Sensibilität immer wieder zur Sprache kam, habe ich mich in den letzten Monaten immer mehr mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich habe Informationen gesammelt, habe angefangen Bücher zu der Thematik zu lesen und habe vor kurzem eine Facebook-Gruppe für hochsensible Mütter ins Leben gerufen. Und dann bin ich einen, für mich großen, Schritt gegangen: ich habe die Hochsensibilität bei meiner Therapeutin angesprochen. Meine Therapeutin begleitet mich schon seit einigen Jahren, vor allem wegen meiner Angststörung und meinen Panikattacken. Sehr oft haben wir festgestellt, dass ich wesentlich sensibler bin als andere Menschen, dass meine Angststörung andere Ursachen zu haben scheint, als bei den meisten Angst-Patienten und auch, dass Emma meine sensible Art wohl geerbt haben könnte. Jetzt weiß ich, und habe auch die Bestätigung, dass ich tatsächlich hochsensibel bin. Und das erklärt so einiges.

Es erklärt unteranderem, warum es bei mir zu dieser ausgeprägten Wochenbettdepression gekommen ist. Es erklärt, warum ich das Weinen von Emma nicht nur körperlich gespürt habe, sondern es mir auch heute noch Schmerzen zufügt. Es ist eine Erklärung dafür, dass ich in vielen Situationen meinem kinderlosen Leben nachgetrauert habe. Es lässt mich verstehen, warum ich teilweise schon innerhalb von Sekunden an meine Grenzen komme und wütend werde. Es erklärt, warum ich unglaublich nervös werde, wenn überall Spielzeug rumfliegt oder Dinge nicht an ihrem Platz stehen.
Ich weiß nun den Grund für meinen Gedanken, die mir sagten, dass ich eine schlechte Mutter sein könnte. Ich kann nun besser nachvollziehen, warum ich den Kontakt zu Anderen oftmals scheue und mich in Menschenmengen so unwohl fühle. Es erklärt sogar, warum mir die Welt an vielen Tagen einfach viel zu hell erscheint und selbst eine kurze Autofahrt mich unglaublich ermüden kann. Es scheint die Ursache dafür zu sein, dass ich absolut kein Koffein vertrage und Gerüche viel stärker wahrnehme als meine Mitmenschen. Und es ist auch eine Erklärung dafür, dass man mir nur selten etwas vormachen kann und ich Stimmungen und Schwingungen anderer Menschen teils sehr stark wahrnehme.

(M)Ein Leben als hochsensible Mutter ist an den meisten Tagen überaus anstrengend. Es bringt mich an meine psychischen und körperlichen Grenzen, lässt mich in Tränen ausbrechen und so tiefgehende Gefühle empfinden, dass sie mich oftmals überwältigen. Die Hochsensibilität führt zu vielen Konflikten in mir selbst, z.B. wenn mein ausgeprägtes Bedürfnis nach Ruhe mit dem ganz normalen Geplapper einer Zweijährigen aufeinander treffen. Es lässt mich aber auch von ganzem Herzen lieben, bringt einen riesigen Batzen an Mitgefühl mit sich, lässt mich eine sehr innige Beziehung zu unserer Tochter haben und gibt mir vor allem die Fähigkeit, mich gut in unsere (hochsensible) Tochter hineinfühlen zu können, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und für diese einzustehen.

(M)Ein Leben als hochsensible Mama hat Sonnen- und Schattenseiten und gleicht damit eigentlich jedem anderen Leben – und doch ist es ein komplett anderes Leben.

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4 Comments

  • Reply
    Jessi
    10. Februar 2017 at 10:16

    Hallo Ann-Kathrin,

    schön, dass du so klar und nüchtern über dieses Thema schreiben kannst. Ich versuche auch immer Pro und Contra zu beleuchten, da viele andere leider nur die schönen Seiten der Hochsensibilität sehen und sie quasi zur „Superkraft“ erheben.
    Hochsensibilität als Trend stört mich schon lange. Dadurch, dass viele Symptome so diffus sind und jeder mal mit einer gewissen Situation überfordert ist, denken eben viele, dass sie hochsensibel seien. Statt sich darüber zu informieren, wird einfach irgendwelcher Blödsinn geschrieben und in die weite Welt hinaus geschickt. Dadurch rücken viele Betroffene leider in ein schlechtes Licht und werden wieder in die „Bekloppten-Kiste“ gesteckt, aus der sie doch durch die Diagnose eigentlich entkommen sind. Das tut weh.
    Langsam entwickelt sich das Thema auch zu einer Gelddruckmaschine und es gibt viele dubiose „Hilfsangebote“. Gerade bei Ängsten und Panik (ich bin selbst davon betroffen) kann das gefährlich werden und ich finde es gut, dass du professionelle Hilfe an deiner Seite hast; dazu rate ich meinen Lesern auch.

    So, das war jetzt ein längerer Kommentar… 😉
    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende und weiterhin viel Kraft und Spaß mit deiner Familie!
    Liebe Grüße,
    Jessi

  • Reply
    Ein zweites Kind trotz Hochsensibilität? - Munchkins Happy Place
    4. April 2017 at 12:41

    […] einigen Wochen habe ich meine (und auch Emmas) Hochsensibilität zum ersten Mal hier auf dem Blog angesprochen. Und auch heute wird sie wieder  Thema sein, […]

  • Reply
    Bin ich wirklich eine Rabenmutter? [Blogparade] - Munchkins Happy Place
    24. Mai 2017 at 11:59

    […] (Familien-)Feiern und Besuche jeglicher Art. Ich habe zwar akzeptiert, dass dies sowohl an meiner Hochsensibilität als auch an meiner Angststörung liegt (und auch daran, dass meine Tochter von Geburt an ein […]

  • Reply
    Neue Interview-Reihe "Mütter mit psychischen Erkrankungen erzählen" - Munchkins Happy Place
    14. Juni 2017 at 8:30

    […] Angststörung & Panikstörung mit depressiven Phasen“. Mittlerweile weiß ich, dass meine Hochsensibilität eine der Hauptursachen für meine Panikattacken ist und dass auch meine depressiven Phasen mit […]

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